Semio… Was?

Die Semiotik untersucht, wie die Bedeutung von Zeichen entsteht, wie diese vermittelt und schliesslich rezipiert werden.

 

Semio… was? werde ich oft gefragt. Das Wort stammt vom altgriechischen σημεῖον (sēmeĩon) und bedeutet «Zeichen». Semiotik ist die Lehre von den Zeichen, ganz gleich ob es visuelle, akustische, geschmackliche, haptisch oder olfaktorische Zeichen sind. Die Zeichentheorie untersucht, wie deren Bedeutung entsteht, wie diese vermittelt und schliesslich rezipiert werden. Es geht also um Kommunikation, ganz gleich, ob sie zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen oder Maschinen stattfindet.

Semiotik bedeutet, Zeichen zu untersuchen und welche bewussten oder unbewussten Reaktionen sie auslösen. Wenn wir zum Beispiel die Farben einer Ampel sehen, wissen wir, wie wir darauf reagieren sollen. Wir wissen das, ohne auch nur daran zu denken. Aber dies ist ein Zeichen, das durch Konventionen über einen langen Zeitraum geschaffen wurde. Bereits als Kinder haben wir es erlernt, um seine Bedeutung intuitiv zu verstehen.

Die Interpretation (oder Dekodierung) der Zeichen unserer Kultur ermöglicht, uns in unserer Zeichenkultur zurechtzufinden. Spätestens wenn wir in eine fremde Kultur reisen, wird uns bewusst, wie herausfordernd neue Zeichen sein können, deren Kode wir (noch) nicht kennen. Jeder von uns ist ein Semiotiker, weil jeder ständig un/bewusst Zeichen um sich herum interpretiert – vom Wecker am Morgen über den Wegweiser in der Stadt, Signaltöne des Smartphones, den Duft der Bäckerei bis hin zum Design von Verpackungen im Supermarkt. Ständig intepretieren wir Zeichen und handeln entsprechend.


Nehmen wir zum Beispiel das Symbol des aufrecht gestellten Daumens: Beim Tauchsport bedeutet der nach oben gerichtete Daumen, dass man an die Oberfläche will. Am Strassenrand hingegen ist er ein Signal der Anhalter/in, mitgenommen werden zu wollen. Und in Facebook ist der Like-Daumen das Zeichen für ein «Gefällt mir». Denn im westlichen Kulturkreis steht er für ein «OK» bzw. ein «Alles in Ordnung».

 

Irrtümlicher Weise wird diese positive Bedeutung auf die römischen Gladiatorenkämpfe zurückgeführt. Wenn ein Gladiator im Kampf unterlegen war, dufte das Publikum mit einer Handbewegung signalisieren, ob er sterben soll. Aktuelle Forschungen belegen jedoch, dass nicht der nach unten sondern der nach oben gerichtete Daumen den Tod bedeutete.* Der aufgereckte Finger war das Zeichen für das aufgerichtete Schwert. Wollte das Publikum den Gladiator begnadigen, so steckte man den Daumen hingegen in die Hand (Symbol für das Schwert in der Scheide) oder drückte ihn auf die Faust, so wie wir heute jemandem «die Daumen drücken».

Mit anderen Worten, wir müssen den kulturellen Ursprung und Kontext kennen, um die wahre Bedeutung der Zeichen zu verstehen und angemessen zu handeln. Das Umfeld des Zeichens ist in der Regel genauso wichtig wie das Zeichen selbst, um seine Bedeutung zu interpretieren. Die Semiotik kann dabei helfen, die beabsichtigte Bedeutung eines Zeichens auf der Empfängerseite eindeutig zu verstehen bzw. kritisch zu hinterfragen.

 

 

*) Anthony Corbeill (1997): Thumbs in Ancient Rome – Pollex as Index, Memoirs of the American Academy in Rome, Nr. 42, S. 61–81.