ÜBER MICH

Fragebogen, Peter Glassen

 

Die Frage nach der Identität zieht sich wie ein roter Faden durch unser aller Leben. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Eng mit diesen Fragen verbunden ist der Begriff: Heimat. Ihn greift der Schweizer Autor Max Frisch in einem seiner elf thematisch gegliederten Fragebogen («Tagebuch 1966–1971») auf. Seinen Fragen will ich folgen und von meinem ganz persönlichen Verständnis von Heimat und Identität erzählen:

 

1. Frage: Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?

 

@maxfrisch: Nein, Heimweh fühle ich nicht. Es wird mir auch nicht ganz seltsam zumute, wenn ich die deutsche Sprache vernehme. Vielmehr erinnern mich meine Landsleute an die Stationen meines bisherigen Weges: Der herbe Charme der Brandenburger, die direkte Art der Berliner, die herzliche Mundart der Badener, der markante Dialekt der Basler und das umarmende Bärndütsch. Ich höre sie gern und erfreue mich an den schönen Feinheiten, den unterschiedlichen Betonungen oder an den komplett anderen Wörtern. Wer würde schon denken, dass der «Schoppen» in der einen Region ein Glas Wein und in der anderen ein Babyfläschchen ist?!

 


2. Frage: Hat Heimat für Sie eine Flagge?

 

@maxfrisch: Ich bin in der DDR aufgewachsen. Vielleicht fällt mir deshalb die Antwort auf die Frage so schwer. Die Fahne dieses Staates war schwarz-rot-gold und trug in ihrer Mitte ein Emblem aus Hammer, Ährenkranz und Zirkel – als Symbol für Arbeiter, Bauern und Akademiker. Rückblickend verbinde ich damit nur Ideologie und keine Heimat. Auch nach der Wiedervereinigung hatte ich Mühe, mich mit der deutschen Fahne zu identifizieren. Als mich jedoch 2008 meine Studenten beim Public Viewing der Europameisterschaft in eine überdimensionale Deutschlandfahne einhüllten, konnte ich plötzlich meinen Frieden mit dem Schwarz-Rot-Gold schliessen. Und ja, als Zeichentheoretiker finde ich, Heimat braucht eine Flagge, weil sie nach innen Bindung schaffen kann. Wird sie hingegen nach aussen gegen andere ins Feld geführt, lehne ich sie ab.

 


3. Frage: Worauf könnten Sie eher verzichten:
a. auf Heimat
b. auf Vaterland
c. auf die Fremde

 

@maxfrisch: In meiner Heimat liegen meine Wurzeln, dort bin ich aufgewachsen, jedoch ihr längst entwachsen. Das Wort Vaterland ist mir fremd und scheint mir am ehesten verzichtbar. Hingegen ist die Fremde für mich ein Versprechen, Neues zu entdecken. Nicht grundlos mag ich wohl die doppelte Bedeutung des griechischen Wortes «xénos», das sowohl für «Fremde» als auch für «Gast» steht.

 


4. Frage: Was bezeichnen Sie als Heimat?
a. ein Dorf
b. eine Stadt oder ein Quartier darin
c. einen Sprachraum

d. einen Erdteil

e. eine Wohnung

 

@maxfrisch: Vor einiger Zeit las ich auf einer Postkarte das Zitat: «Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.» Mir geht es ähnlich, weil ich schon an mehreren Orten gelebt habe. Zurzeit ist es mein Quartier in Bern, die Länggasse, in dem ich mich zuhause fühle. Und wenn mich am Morgen die Verkäuferin in der Bäckerei mit einem herzlichen «Guete Morgä, Peter! Gäng wie gäng?» begrüsst, dann habe ich ein heimatliches Gefühl.

 


5. Frage: Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst: Könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist?

 

@maxfrisch: Ich hoffe, dass es nicht so viele sind, die mich in meiner Heimat hassen. Weshalb sollte ich leugnen, ein Ostdeutscher zu sein? Wenn ich auf die politische Radikalisierung einzelner Landsleute in meiner Heimat schaue, habe ich zwar manchmal etwas Mühe, von dort zu kommen. Doch dann fallen mir all die engagierten Menschen ein, die das Land nach 1989 zu dem gemacht haben, was es heute ist und bin stolz darauf, dass es meine ursprüngliche Heimat ist. Ich empfinde Dankbarkeit, von dort zu stammen und gebe ein wenig zurück, indem ich seit vielen Jahren eine Schule in meiner Heimatstadt unterstütze.

 


6. Frage: Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders?
a. die Landschaft
b. dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h. dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher auf Einverständnis rechnen können?
c. das Brauchtum
d. dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommen
e. Erinnerungen an die Kindheit

 

@maxfrisch: Als ich aus meiner Heimat, der Prignitz, wegzog, liess ich mir von der Töpferin des Ortes ein kleines Keramik-Service töpfern. Auf allen Tassen und Tellern war die Landschaft der Prignitz mit schnellem Pinselstrich gemalt: der hohe Himmel, der endlose Horizont und die alten Weiden der Elbtalaue. Bis heute habe ich mir eine Tasse zur Erinnerung aufbewahrt. Und wenn ich mal wieder in der alten Heimat bin, sitze ich gern am Ufer der Elbe und schaue ihr beim langsamen Dahinströmen zu.

 


7. Frage: Haben Sie schon Auswanderung erwogen?

 

@maxfrisch: Ja, und ich habe es freiwillig und ohne Widerstand getan. Als ich nach dem Mauerfall auf meiner ersten Reise in den Westen die Schweiz kennenlernte, fühlte ich mich dem Land und seiner Kultur verbunden. Regelmässig besuchte ich danach die Basler Fasnacht, reiste in viele Regionen und beschloss eines Tages zu bleiben. Weiterhin ist das für mich nicht selbstverständlich. Denn das Land, in dem ich zuvor 20 Jahre aufgewachsen war, verhinderte das Auswandern seiner Bürger mit unüberwindlichen Grenzen bzw. Gewalt. Heute werden erneut Mauern errichtet, um Menschen auszugrenzen. Andere müssen unfreiwillig ihre Heimat verlassen. Umso mehr bewegten mich vor ein paar Tagen diese Zeilen an der East Side Galery in Berlin: «Du hast gelernt, was Freiheit heisst, und das vergiss nie mehr.»

 


8. Frage: Welche Speisen essen Sie aus Heimweh (z.B. die deutschen Urlauber auf den Kanarischen Inseln lassen sich täglich das Sauerkraut mit dem Flugzeug nachschicken) und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?

 

@maxfrisch: Schon als kleines Kind liebte ich den Blechkuchen meiner Grossmutter und mampfte später auf dem Weg von der Schule die Spritzkuchen der nahen Bäckerei. Und spätestens während meiner Zeit in Berlin und in der Region Basel wurde ich ein Freund der schwäbisch-badischen Backstube. Ich sage nur: Schnäggenudle! Inzwischen habe ich in Bern die Jalousie (am liebsten mit Aprikose) entdeckt und nehme immer wieder gern eine mit auf kleine oder grosse Reisen. Und ja, ich bekenne, diese kleinen, süssen Teile geben mir ein Stück Geborgenheit in der Welt.

 


9. Frage: Gesetzt den Fall, Heimat kennzeichnet sich für Sie durch waldiges Gebirge mit Wasserfällen: Rührt es Sie, wenn Sie in einem andern Erdteil dieselbe Art von waldigem Gebirge mit Wasserfällen treffen, oder enttäuscht es Sie?

 

@maxfrisch: Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Reise auf die Halbinsel Cape Cod im Südosten von Massachusetts. Als ich am Abend in einer kleinen Bar in Woods Hole sass, sah ich durch das Fenster in den Hafen, in dem gerade eine Fähre ankam und viele Menschen strömten nach Haus zu ihren Familien oder kehrten noch auf ein Bier ein. Während ich die Menschen, den Hafen, den Atlantik und die grosse Weite sah, musste ich an meine Heimat im Norden Deutschlands denken. Weil mir das alles so vertraut war, fragte ich mich, weshalb ich tausende Kilometer geflogen bin, um etwas Ähnliches zu erleben. Vielleicht suchen wir immer ein wenig das Vertraute in der Fremde, um ein klein wenig enttäuscht zu sein, wenn wir es dann tatsächlich finden.

 


10. Frage: Warum gibt es keine heimatlose Rechte?

 

@maxfrisch: Als Markenberater beschreibe ich in meinen Workshops und Seminaren die Marke gern als etwas, dass sich durch eine Grenze (marc = Grenze) definiert. Diese Grenze bildet ein Innen und ein Aussen. Innerhalb dieser kann eine Gruppe entstehen, die sich durch bestimmte Symbole, Erzählungen und Rituale von denen ausserhalb abgrenzt. Das entspricht dem Grundprinzip von Staaten, Kantonen und Vereinen, die alle ihre eigenen Flaggen, Gründungsgeschichten und Feiertage haben. Sie geben Identität, schaffen ein Wir-Gefühl und sind Ausdruck von Kultur und Heimat. Wer also rechtsnationalistische Positionen vertritt, muss die Bedeutung der Zeichen seiner Heimat überhöhen, um auf die Kultur der Anderen herabzublicken. Da hilft wohl nur, regelmässig zu reisen, innere Grenzen zu überwinden und das Vertraute im Fremden zu entdecken.

 


11. Frage: Wenn Sie die Zollgrenze überschreiten und sich wieder in der Heimat wissen: Kommt es vor, dass Sie sich einsamer fühlen gerade in diesem Augenblick, in dem das Heimweh sich verflüchtigt, oder bestärkt Sie beispielsweise der Anblick von vertrauten Uniformen (Eisenbahner, Polizei, Militär etc.) im Gefühl, eine Heimat zu haben?

 

@maxfrisch: Mit grosser Sicherheit ist es nicht der Anblick von vertrauten Uniformen, der mir das Gefühl von Heimat gibt. Eine Heimat, in die ich sehnsüchtig zurückkehren möchte, gibt es für mich nicht. Entsprechend gering ist mein Heimweh. Und doch ist da ein Gefühl der Wertschätzung für die Heimat, wenn ich die Zollgrenze überschreite. Vielleicht kann ich es am besten mit den Worten meines Landsmannes Theodor Fontane sagen. In seinen «Wanderungen durch die Mark Brandenburg» schreibt er: «Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.»

 


12. Frage: Wie viel Heimat brauchen Sie?

 

@maxfrisch: Ein wenig Heimat, um zu wissen, woher ich komme. Genug Heimat, um im Jetzt und Hier zu sein. Und etwas Heimat, die ich noch entdecken werde. Aber Max Frisch, geht diese Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht viel weiter? Einer Zeit, in der Millionen von Flüchtlingen ihre Heimat aus unterschiedlichsten Gründen verlassen. Wie viel Heimat können wir ihnen geben bzw. abgeben? Ich denke, wir werden als Menschheit in den nächsten Jahrzehnten das Wort Heimat ganz neu definieren müssen, ganz gleich, ob wir die grossen Herausforderungen der Zeit gemeinsam angehen oder nicht.

 


13. Frage: Wenn Sie als Mann und Frau zusammenleben, ohne die gleiche Heimat zu haben: Fühlen Sie sich von der Heimat des andern ausgeschlossen oder befreien Sie einander davon?

@maxfrisch: Ist nicht jedes Zusammenleben ein Clash of Cultures? Meine Frau und ich stammen aus ganz unterschiedlichen Kulturen Europas und bringen unsere eigenen Geschichten und Mentalitäten ein. Wir fühlen uns weder von der Heimat des Anderen ausgeschlossen, noch müssen wir uns von der eigenen befreien. Eher gilt es, die Herkunft des Anderen wertzuschätzen, anzuerkennen und gemeinsam eine neue zu entdecken.

 


14. Frage: Insofern Heimat der landschaftliche und gesellschaftliche Bezirk ist, wo Sie geboren und aufgewachsen sind, ist Heimat unvertauschbar: Sind Sie dafür dankbar?

@maxfrisch: Ja

 


15. Frage: Wem?

 

@maxfrisch: Meinen Eltern und meiner Grossmutter.

 


16. Frage: Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw., die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?

 

@maxfrisch: Ja, das denke ich immer mal wieder, wenn ich auf Reisen bin. Erst neulich stand ich in der Heimat meines Göttibubs (dt. Patenjunge) auf einem Hügel mit endlosem Blick in die Weite Mecklenburgs und ich dachte: Hier könnte ich Wurzeln schlagen. Und gleichzeitig liebe ich die Basler Fasnacht mit ihrer langen Tradition, die mir als Preusse so gefällt, weil ich nur Zuschauer sein darf. Auch der stille Morgen im Central Park mit einem Becher Kaffee in der Hand erscheint mir ganz vertraut, so als ob ich gleich ins Büro gehen würde. Und wenn ich durch den Bremgartenwald radle, gibt es dort ein kühles Tal, das mir so vertraut ist, als ob ich dort als Kind gespielt hätte. Ich glaube, jeder Ort kann Heimat werden, wenn man offen dafür ist.

 


17. Frage: Was macht Sie heimatlos?
a. Arbeitslosigkeit
b. Vertreibung aus politischen Gründen
c. Karriere in der Fremde
d. dass Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen
e. ein Fahneneid, der missbraucht wird

 

@maxfrisch: Schade, Max Frisch, dass ich Sie nicht nach ihren Beweggründen für diese Frage fragen kann. Kann es sein, dass sie viel mit ihrer eigenen Biographie und ihrer Heimat Schweiz zu tun hat? Doch zurück zu mir: Ich glaube, wir sollten unser Herz nicht an eine räumliche Heimat hängen. So läuft man durchaus Gefahr, ein heimatloser Exilant zu werden. Die aktuelle Exilforschung nennt das transnationale Identität und meint damit ein Grenzgängertum zwischen Nationen, Sprachen und/oder Religionen. Vor vielen Jahren unterhielt ich mich mit einem jungen Musiker über das Thema Heimat. Alessandro, ein Halbitaliener, erzählte mir von seinen Reisen um die Welt. Als ich ihn fragte, wo denn seine Heimat wäre, legte er die Hand auf sein Herz und sagte: «Hier!». Ich selbst brauchte noch ein paar Jahre, um meine Heimat im Herzen zu finden.

 


18. Frage: Haben Sie eine zweite Heimat …?

 

@maxfrisch: Ja

 


19. Frage: … und wenn ja: Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann bei der ersten?

 

@maxfrisch: Ja, ich kann mir eine dritte, vierte und fünfte Heimat vorstellen und hoffe, dass ich sie in Frieden und Freiheit ganz im Sinne von Hermann Hesse erreichen kann:
«... Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten. ...»

 


20. Frage: Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

 

@maxfrisch: Leider ja.

 


21. Frage: Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für Sie die Heimat wäre, z.B. Harlem, und beschäftigt es Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?

 

@maxfrisch: Ja, diese Orte gibt es. Doch es muss nicht Harlem sein, damit einen das Grauen packt. Leblose Neubaugebiete oder emotionslose Shoppingmalls lehren mich oft mehr das Fürchten als jeder verruchte Ort der Welt. Gott muss ich nicht danken, dort nicht zu wohnen. Vielmehr packt mich die Wut, weil diese heimatlosen Orte viel zu oft durch reines Renditedenken entstanden sind. Und letztendlich liegt es ganz im Auge des Betrachters, welcher Ort Entsetzen in uns auslöst. Meine Grossmutter hätte wohl gesagt: «Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.»

 


22. Frage: Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?

 

@maxfrisch: Ja

 


23. Frage: Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: Wer bestimmt, was Sie der Heimat schulden?

 

@maxfrisch: Das sollten wir die Verantwortlichen fragen, die die Kinder ihres Landes in Kriege schicken bzw. sie gegen andere Menschen aufwiegeln.

 


24. Frage: Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?

 

@maxfrisch: Mit der Heimat im Herzen denkt sich das recht gut.

 


25. Frage: Woraus schliessen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden? *

 

@maxfrisch: Ich meide Zoo und Zirkus aus genau diesem Grund, weil ich Trauer empfinde, wenn ich die apathischen oder getriebenen Tiere in den Gehegen sehe. Aber weiss ich wirklich, ob sie den Zoo nicht als Heimat empfinden? Ein Goldfisch, der in einem Glas aufgewachsen ist, muss denken, das Meer habe Wände. Leben wir nicht alle in einem ähnlichen Glas?

 


[* Fragen: Auszug aus Max Frisch, Fragebogen. Fragebogen IX, S. 73–78. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. Mit herzlichem Dank.]